Frau mit langen Haaren, Zopf sitze am Bett einer Patientin und hält ihr die Hand

Rehaklinik Hegau-Jugendwerk Gailingen - Zurück ins Leben

Ein Bericht von Matthias Stahlmann

„Von einer Sekunde auf die andere war es mit meinem Leben vorbei", erzählte der 19-jährige Patrick*. Autounfall. Rettungswagen. Helikopter. Intensivstation. Koma. Dann wachte er auf und kam in die Reha. Ein weiter Weg zurück ins Leben beginnt. Wie der Klinikseelsorger Pfarrer Stahlmann junge Menschen begleitet, lesen Sie hier.
 
 
 
 
 
 

„VON EINER SEKUNDE AUF DIE ANDERE…
 
… war es mit meinem Leben vorbei“, erzählt mir Patrick*, 19 Jahre jung, den ich bei meinem Rundgang an der Bushaltestelle beim HJW treffe. Der Mann im Rollstuhl ist mit Freunden abends im Auto unterwegs gewesen. Plötzlich hat es gekracht, er ist durch die Wucht der Kollision durch die Scheibe geflogen. Rettungswagen, Helikopter, Intensivstation. Wochenlang im Koma auf der Intensivstation. Und dann das Aufwachen in das Grauen. „Mein Leben ist zu Ende“, sagt Patrick oft. Nie wieder Fußball spielen. Nie mehr Party machen. Keine Freundin mehr. Er hatte mehrere Wirbel gebrochen. Irreparabel. Sein Leben würde er von nun an im Rollstuhl verbringen. Seine Ausbildung beim Straßenbauamt wird er nicht wieder aufnehmen können. Zudem hat er seinen besten Freund bei dem Unfall verloren. Wie soll man das alles schaffen?
 
EIN WEITER WEG ZURÜCK
 
Nach vielen komplizierten Operationen und ewig langen Monaten der Reha wird es ein weiter Weg zurück in ein anderes Leben werden. Wir unterhalten uns einmal die Woche über Schicksal, über die Freunde, Frauen, die Familie, über mögliche Berufschancen. „Nach den Gesprächen mit dem Klinikseelsorger sehe ich ein kleines Licht und bin nicht mehr ganz ohne Hoffnung. Mit Gottes Hilfe und den gemeinsam entwickelten Ideen wird es vielleicht irgendwie gelingen“, meint Patrick am Ende des Gesprächs.
 
OFFEN FÜR ZWEIFEL UND SORGEN
 
Zwischen Fragen „Wie soll ich das alles in meinem Leben bewältigen?“ und Überlegungen „Man muss lernen, sein Schicksal anzunehmen!“ spielen sich die Gespräche ab, die ich als Klinikseelsorger bei meinen Besuchen immer wieder führe. Ich bin dabei offen für die Zweifel und Sorgen, für die Hoffnung und das Vertrauen, das die erkrankten und verunfallten Menschen in das Leben und zu Gott haben. In sehr persönlichen Begegnungen, im Gebetskreis, bei Ausflügen und Andachten versuche ich, mit den Patientinnen und Patienten, Trost und Mut im Glauben zu finden.
 
LEBENSALLTAG NEU ORGANISIEREN
 
Einige jugendliche Patient:innen kommen direkt von den Intensivstationen der Krankenhäuser. Für die Eltern ist es ein Zustand ständigen Hoffens und Bangens um ihr Kind. Wochen, oft Monate verbringen die Angehörigen in der Begleitung ihres Kindes in der Reha. Der ganze Lebensalltag einer Familie muss innerhalb weniger Tage völlig neu organisiert werden. Neben den Ängsten und Sorgen um das Kind gibt es unzählige Aufgaben zu lösen: Arbeitsverhältnisse, Betreuung der Geschwisterkinder zu Hause oder in der Reha, Beziehungsfragen mit dem Ehepartner, Kindergarten oder schulische Belange sind zu regeln. Die oft anstrengenden und langwierigen Auseinandersetzungen mit Versicherungen stehen an. Durch einen Unfall oder eine Erkrankung kann das normale oder gar das erträumte Leben nicht mehr gelebt werden.
 
AUSFLÜGE FÜR ANGEHÖRIGE
 
Für einige Mütter, Väter oder Großeltern sind die Angebote der Angehörigenbegleitung eine willkommene Ablenkung im Reha-Alltag. Neben der ständigen Begleitung des Kindes, braucht es eine Auszeit, um wieder etwas Kraft zu schöpfen und sich selbst und andere Eltern auf eine ungezwungene Weise kennenzulernen. Als Klinikseelsorger bin ich fester Bestandteil des Familienteams im Jugendwerk. Wir bieten Begegnungen im Elterncafé und in regelmäßigen Abständen gemeinsame Ausflüge an. Unterwegs kommt man auf einfache Weise ins Gespräch über Gott und die Welt, über die kleinen und großen Fragen des Lebens. Oftmals ergeben sich dabei Verabredungen für weitere Seelsorgegespräche.
 
DASEIN, ZUHÖREN UND MUTMACHEN
 
Viele, immer sehr individuelle Lebensgeschichten haben die kleinen und großen Patient:innen und ihre Familien zu berichten. Da hilft es, wenn jemand da ist, der Zeit hat zum Zuhören, zum Trösten und zum Mut machen. Die Ärzte und das Pflegepersonal können diese Zeit durch ihren umfangreichen Dienst oft nicht immer aufbringen. So ist es gut, dass die Seelsorge da ist.
 
*Namen geändert
 
 
HEGAU-JUGENDWERK GAILINGEN
 
Die Rehaklinik Hegau-Jugendwerk (HJW) in Gailingen bietet Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen nach einer neurologischen Erkrankung, einem Unfall oder einer frühkindlichen Hirnschädigung eine umfassende Rehabilitation an. Gerade hier wird die seelsorgliche Betreuung dringend benötigt.
 
Gemeinsam mit dem Förderverein Klinikseelsorge im Kirchenbezirk Konstanz und engagierten Spenderinnen und Spendern unterstützt die Stiftung Kranke Begleiten die Seelsorge in Gailingen. Um diese wertvolle Arbeit zu sichern werden 980 Euro monatlich benötigt.