"Heute hatte noch niemand Zeit dafür, mit mir aufzustehen", erklärt Patientin Patricia Tempel mit einem entschuldigenden Lächeln ihre Lage. Deshalb liege sie noch im Bett, anstatt wie gewohnt im Rollstuhl im Aufenthaltsraum zu sitzen. Beim vertrauten Anblick der evangelischen Klinikseelsorgerin strahlt die junge Frau über das ganze Gesicht. "Es tut so gut zu wissen, dass regelmäßig jemand kommt und mir zuhört", erzählt die 41-jährige Erzieherin und Mutter eines knapp zweijährigen Sohnes. - Ein Bericht von Chirstiane Zimmermann-Schwarz.
Zuhören und Zeit schenken, wo die Not am größten ist – Seelsorge in der neurologischen Reha-Klinik in Heidelberg, Kliniken Schmieder

Eine zunächst nicht erkannte Autoimmunerkrankung ließ sie immer schwächer werden, bis sie im Mai dieses Jahres plötzlich ins Koma fiel – ihr Atemzentrum war ausgefallen. Als sie nach über sechs Wochen wieder aufwachte, erinnerte sie sich an nichts – und war am ganzen Körper gelähmt.


Häufig suchen auch Menschen, die angesichts ihrer schweren Lage mit Gott hadern oder die gar nichts von ihm wissen wollen, das Gespräch mit den Seelsorgern. So seien Muslima zuweilen dankbar für ein vertrauliches Gespräch mit der Pfarrerin als Frau und Mutter, um über den schmerzlichen Verlust eines stillgeborenen Kindes zu sprechen oder Fragen zu stellen, mit denen sie sich sonst an niemanden wenden können. Es sind oft die ganz praktischen Fragen, die die Gespräche bestimmen: 'Wie gehe ich mit der Krankheit um, wie sage ich es meiner Familie?' 'Wer hilft mir zuhause, wie löse ich die finanzielle Not, die mir durch die Krankheit entstanden ist?' Aber auch 'Warum ich, warum tut Gott mir das an?!' Hier gelte es nicht, Antworten zu finden oder gar Gottes Taten zu rechtfertigen, sondern gemeinsam das oft so schwere Schicksal anzunehmen und auszuhalten.
Gefragt nach ihrer schier unerschöpflichen Motivation erzählt sie lächelnd von einer Patientin, die ihr gleich beim ersten Besuch an den Kopf warf, dass sie mit Gott 'nichts am Hut´ habe. Über viele Wochen hinweg habe sie diese Patientin immer wieder freundlich gegrüßt, teils bei Seelsorgegesprächen am benachbarten Bett, teils bei Begegnungen auf dem Gang. Bei ihrer Entlassung habe ihr die Patientin fest die Hand gedrückt und ihr zugeraunt: "Passen Sie gut auf sich auf, damit sie ihre wichtige Aufgabe noch lange ausüben können!" Erstaunt nach ihrem plötzlichen Sinneswandel gefragt, antwortete sie lächelnd: "Wissen Sie, Menschen können sich ändern!"
