Kleinkind auf Kinderstation

Kinderkardiologie in der Kinderklinik Heidelberg

Ein Bericht von Dr. Christiane Bindseil

Als ich die kleine Jasmin* kennenlernte, war sie gerade drei Tage alt. Sie war in einem 130 km entfernten Kreiskrankenhaus zur Welt gekommen und hatte wenige Stunden auf den Armen ihrer überglücklichen Eltern verbringen dürfen. Bis einer Hebamme auffiel, dass sie immer schneller atmete und dass ihre Lippen und ihre Fingernägel leicht blau wurden. Der schnell herbeigerufene Kinderarzt hörte sie ab und schlug sofort Alarm. Jasmin wurde in einem Rettungshubschrauber nach Heidelberg geflogen und auf die Kinderkardiologische Intensivstation verlegt.


Jasmin litt an einem äußert schweren Herzfehler, der weder bei den Vorsorgeuntersuchungen noch bei der Kontrolluntersuchung nach der Geburt bemerkt worden war. Sie musste sofort operiert werden, um überhaupt eine Überlebenschance zu haben. Ihr Vater konnte dem Helikopter hinterherfahren und traf zwei Stunden nach Jasmin auf der Intensivstation ein. Ihre Mutter musste selber noch zwei Tage in der Entbindungsklinik ausharren, bevor sie nach Heidelberg reisen konnte. Als sie ihre Tochter wiedersah, künstlich beatmet, voller Schläuche und Kabel, einen gewaltigen Medikamentenperfusor neben sich und einem Monitor mit den Vitalkurven über dem Wärmebettchen, zog es ihr den Boden unter den Füßen weg. Die Schwestern schoben einen Liegestuhl neben Jasmins Bettchen, sodass die Mutter bei ihr liegen konnte. Dass Jasmin die Gegenwart ihrer Mutter auch im künstlichen Koma spürte, daran zweifelte hier niemand. Ebenso wenig daran, dass die Mutter die Nähe ihrer Tochter unbedingt brauchte.

Im Laufe des Nachmittags stellte ich mich bei Jasmins Eltern vor. Es tat ihnen gut, die ganze Dramatik der letzten 72 Stunden jemandem zu erzählen, der nicht als Familienmitglied oder Freundin selber tiefbetroffen ist. Jemand, der dennoch Anteil nimmt und sich ausreichend auskennt, um beim Sortieren der vielen medizinischen und pflegerischen Informationen zu helfen. Ich versprach, regelmäßig vorbei zu schauen und bot an, dass mich die Familie auch jederzeit anrufen kann. Zwei Tage nach der Operation verschlechterte sich Jasmins Zustand. Ein Infekt schwächte die Lunge, die Nieren arbeiteten nicht ausreichend, und die Pumpleistung des Herzens war schwach. Die medikamentösen Möglichkeiten waren ausgeschöpft und die verzweifelten Eltern baten mich, Jasmin zu taufen.

Kinder wie Jasmin kommen jede Woche auf der Kardiologischen Intensivstation an. Viele Eltern sind dankbar für eine Gesprächspartnerin, die außerhalb von Familie und Klinikbetrieb steht und hilft, die Fülle der Emotionen und Informationen, die über ihnen hereinbricht, zu verarbeiten. Einige Eltern wünschen sich, dass ihr Kind getauft wird, wenn sie fürchten müssen, es zu verlieren. Manche verbinden mit der Taufe die Hoffnung, dass ihr Kind in einer bevorstehenden Operation besonderen Beistand erfährt. Es gibt Kinder wie Jasmin, die nur wenige Tage auf dieser Welt verweilen und nur eine sehr kurze Zeitspanne mit ihren Eltern verbringen können. Andere kämpfen sich durch die ersten Tage und Wochen und durch mehrere Operationen hindurch. Und dürfen doch nicht bleiben. Ich erinnere mich an den kleinen Phil. Er war kurz nach seinem dritten Geburtstag in der Klinik verstorben. Von seinen drei Lebensjahren hatte er zweieinhalb im Krankenhaus verbracht. Jeder Lebenstag war hart erkämpft. Drei Jahre Ausnahmezustand für die ganze Familie. Viele Stunden habe ich mit seinen Eltern an seinem Bettchen gesessen. Und am Schluss habe ich erst ihm und dann seinen Eltern im Abschiedsraum der Klinik einen Segen ausgesprochen.

Ich weiß nicht, wie lange Jasmin auf dieser Welt sein wird; ich weiß nicht, wie oft und wie lange sie mit ihren Eltern in der Klinik sein wird. Aber ich werde die Familie regelmäßig besuchen und versuchen, sie zu stützen: durch Gespräche, durch mein Dasein, durch Ablenkung oder durch das Reichen von Taschentüchern; wenn sie es wünschen auch im Gebet oder mit einem christlichen Ritual. Ich tue das im Vertrauen auf den, der Jasmin ebenso wie ihren Eltern und mir das Leben geschenkt hat und der jedes Leben vollendet.
 
*Name geändert