
Frühgeborenen-Intensivstation in der Kinderklinik Heidelberg
Ein Bericht von Dr. Christiane Bindseil

Ich werde die bange Ungewissheit mit ihr aushalten; sie vielleicht ein wenig ablenken, bis das Handy klingelt und der Arzt die entscheidenden Worte spricht. Ob ihr Sohn eine Chance haben wird, zu leben? Jetzt trinken wir erst mal einen Kaffee.
Am anderen Ende des langen Flures befindet sich die FIPS, die Frühgeborenen-Intensiv-Pflege-Station. Vor einem der Inkubatoren sitzt ein Paar, durch die Plexiglasscheiben schauen sie auf ihre 410 Gramm leichte Tochter, die unter einem Berg von Kabeln und Schläuchen fast verschwindet. Gestern kam sie zur Welt, eigentlich wäre der Geburtstermin erst in 15 Wochen gewesen. Die Eltern können nicht fassen, dass das ihre Tochter ist, die doch eben noch so verheißungsvoll im Bauch gestrampelt hat und nun so unendlich schutzlos und zerbrechlich da liegt. Ob sie es schaffen wird, ins Leben hinein zu wachsen? Wenn ja, wird es ein langer Weg. Dann liegen mehrere Monate Klinikaufenthalt vor ihr und ihren Eltern, mit vielen Unwägbarkeiten. Ich stelle mich bei den Eltern vor, sie sind dankbar, reden zu können. Ich versuche vorsichtig zu helfen, das Gefühlschaos zu sortieren; ein wenig Orientierung zu geben in dieser ihnen noch völlig unbekannten Welt der Intensivstation. Regelmäßig werde ich sie besuchen in den nächsten Monaten; mich mitfreuen, wenn die Kleine wächst und Fortschritte macht; an ihrer Seite sein, wenn es Rückschläge gibt. Fragen nachgehen nach dem Sinn von Leben; nach Prioritäten, die sich verschieben, nach Zukunft mit einem vielleicht behinderten Kind; ich werde ihre Selbstvorwürfe und Beziehungskrisen begleiten. Verlässlich da sein, wenn sie es möchten.
Solche und ähnliche Begegnungen prägen meinen Alltag als Seelsorgerin in der Kinderklinik, ins besondere auf der Kinderkardiologie und auf der Neonatologie. Eltern, die um das Leben ihres Kindes bangen; die nicht wissen, ob und wenn ja, mit welchen Einschränkungen ihr Kind eine Zukunft hat; die manchmal viele hundert Kilometer von ihrer Heimat entfernt in der hoch spezialisierten Heidelberger Kinderklinik einen letzten Strohhalm Hoffnung gefunden haben: oft sind sie sehr dankbar für eine seelsorgliche Begleitung, in der einfach Mensch sein dürfen, sich in ihren Nöten, ihrem Hoffen und Bangen, ihrer Einsamkeit und ihren Konflikten ernst genommen fühlen und bei der sie wissen: auch wenn das Allerschlimmste eintritt, ist jemand da.
